Handbuch kommender Aufgaben

Von Fabian Lehr

Die deutsche Linke scheint heute wieder so atomisiert zu sein wie zu Marxen‘s Zeit. Dabei erkannte bereits der junge Marx sehr schnell, dass kein Vorankommen auf individueller Basis, sondern nur zusammen mit der Masse möglich ist.

Karl Marx, der uns mit seinen wissenschaftlichen Leistungen so viel über Geld und Kapital gelehrt hat, wurde irgendwann selbst auf Banknoten gedruckt. Am 5. Mai 2018 feiern wir den 200. Geburtstag des Begründers des wissenschaftlichen Sozialismus und setzen sein Werk – allen Widrigkeiten, Niederlagen und Rückschlägen zum Trotz! – auch im 21. Jahrhundert fort.

Am 5. Mai 1818 gebar Henriette Marx, Ehefrau des Trierer Anwalts Hirschel Marx, einen Sohn. Sie nannten ihn Karl. Beide stammten aus jüdischen Familien, aber Hirschel Marx war kein gläubiger Mann, sondern ein liberaler Verfechter aufklärerischer Ideen. Trier gehörte erst seit Kurzem zur preußischen Rheinprovinz. Das Rheinland (der preußische König hätte lieber Sachsen bekommen) war im preußischen Staat ein kultureller Fremdkörper.  Die preußischen Kerngebiete waren fast durchweg protestantisch, das Rheinland war katholisch. Die preußischen Kerngebiete waren arm an nennenswerten Städten und sozial dominiert von großgrundbesitzenden Landadligen, die über Massen armer, unfreier Bauern geboten, die gerade erst vor ein paar Jahren aus der Leibeigenschaft befreit worden waren, während das Rheinland stark urbanisiert war, ein kräftig entwickeltes Bürgertum besaß, seine Landwirtschaft von freien Kleinbauern dominiert wurde und der Adel eine gesellschaftlich zweitrangige Rolle spielte. Das preußische Kernland erinnerte in seiner Kultur und Gesellschaftsstruktur an das russische Zarenreich, während das Rheinland kulturell stark an Frankreich angelehnt war und viele RheinländerInnen es bedauerten, 1813/14 von der französischen Herrschaft „befreit“ worden zu sein (so der eine Generation vor Marx geborene Düsseldorfer Heinrich Heine, der wehmütig der napoleonischen Jahre gedachte). Beides waren zweifellos prägende Faktoren in der Sozialisation des jungen Marx: Einerseits das Aufwachsen im fortgeschrittensten, modernsten Teil Deutschlands, wo die Entwicklung von modernen kapitalistischen Wirtschaftsformen und bürgerlichem Liberalismus weiter war als irgendwo sonst, andererseits die Erfahrung eines repressiven, bürokratischen Polizeistaates, der mit ancien régime-Methoden liberale Kritiker drangsaliert.

Flucht nach Paris

1835 beginnt Karl ein Studium der Rechtswissenschaft in Bonn, das er ein Jahr später in Berlin fortsetzt. Prägender als das Studium werden während seines Aufenthalts in der preußischen Hauptstadt die Kontakte zum dortigen Kreis von Junghegelianern, die die Philosophie Hegels von links, in einem emanzipatorischen Sinne neu zu interpretieren suchten. Marx entwickelt sich in dieser Zeit zu einem kritischen liberalen Demokraten, der als Redakteur für die Kölner „Rheinische Zeitung“ zu schreiben beginnt und dank seiner spitzen Feder bald zu einem bekannten Gesicht der bürgerlichen Opposition des Rheinlandes wird. Aber die deutsche Staatenwelt der Metternich-Ära ist kein günstiges Terrain für eine bissige Oppositionspresse: Schon 1843 wird das bereits zuvor ständig von der Zensur schikanierte Blatt polizeilich verboten und muss ihr angriffslustigster Redakteur Karl Marx nach Paris fliehen, in die Hauptstadt des liberalen "Bürgerkönigtums" Louis Philippes, wo sich eine Kolonie politisch verfolgter Deutscher jeder Couleur versammelt hat. Und es ist hier in Paris und ab 1845 in Brüssel, wo die Grundzüge dessen geschaffen werden, was wir heute als Marxismus bezeichnen.

Marx kam als bürgerlicher liberaler Demokrat nach Paris. Vier Jahre später skizziert er im „Kommunistischen Manifest“ alle wesentlichen Elemente des reifen Marxismus. Wie war es dazu gekommen? Vor allem drei Faktoren der Pariser und Brüsseler Jahre sind ausschlaggebend. Erstens: In den dortigen deutschen Emigrantenkreisen blüht ein reiches, von den französischen Frühsozialisten Fourier und Saint-Simon inspiriertes kommunistisches Sektenwesen, durch das Marx erstmals in Kontakt mit freilich utopischen sozialistischen Konzepten kommt. Zweitens: Marx vertieft sich in Paris in das Studium historischer Werke insbesondere zur Geschichte der französischen Revolution. Die Lektüre von Francois-Auguste Mignet, der in seiner Revolutionsgeschichte von 1824 die französische Revolution als eine Abfolge von Klassenkämpfen interpretiert hatte, regt bei Marx die Ausbildung der Grundzüge des historischen Materialismus an. Und drittens stößt die damals beginnende intellektuell fruchtbare Freundschaft mit dem Fabrikantensohn Friedrich Engels Marxens intensive Beschäftigung mit ökonomischen Fragen an - eine Auseinandersetzung, die ihn zusammen mit seinen historischen Studien in der Überzeugung bestärkt, dass die Ökonomie der Schlüssel zum Verständnis der gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Erscheinungen ist und man die Geschichte menschlicher Gesellschaften in erster Linie als eine Abfolge sozioökonomischer Interessenkonflikte zwischen Klassen verstehen muss.

Die Macht der Klasse

Aus diesem während der Pariser und Brüsseler Studien geschaffenen theoretischen Fundament ziehen Marx und sein Mitstreiter Engels die praktischen Konsequenzen, die sie weit über Junghegelianismus, Anarchismus und utopischen Sozialismus hinausheben und für MarxistInnen bis heute gültig sind. Ja – die gerade heute gültig sind, denn wenn ich mich entschlossen habe, in diesem Artikel einen Blick ausgerechnet auf die Jahre des werdenden Marxismus in den frühen und mittleren 1840ern zu werfen, dann weil ich der Meinung bin, dass die westliche Linke des 21. Jahrhunderts sich wieder in einem ähnlichen Zustand befindet wie die aus isolierten kleinen Diskussionszirkeln bestehende Linke der Zeit vor 1848 und dass sie, um aus diesem Zustand herauszukommen, die Lehren beherzigen müssen, die Marx und Engels damals aus dem ähnlich traurigen Zustand der Linken zogen.

Welchen zentralen Denkfehler hatten Junghegelianer, Anarchisten und utopische Sozialisten gemeinsam? Die Annahme, die befreite Gesellschaft werde von einer kleinen Zahl weiser, erleuchteter Individuen herbeigeführt werden, die im stillen Kämmerlein die ideale Zukunftsgesellschaft fix und fertig entworfen haben und diesen Idealplan nun durch Aufklärung der Öffentlichkeit oder per Putsch zum Wohle der Allgemeinheit verwirklichen. Marx und Engels waren in kritischer Auseinandersetzungen mit diesen Vorstellungen zum Schluss gelangt, dass Individuen und kleine Gruppen von Revolutionären und Sozialutopisten niemals ein eigenständiger bedeutender historischer Faktor sind, sondern dass die Massen selbst in ihrer aus der ökonomischen Entwicklung resultierenden Bewegung die Geschichte machen und revolutionäre Gruppen nur dann eine Rolle spielen können, wenn sie sich in den realen Emanzipationskämpfen der Massen als deren entschlossenste Avantgarde an ihre Spitze stellen.

Die Feststellung im „Kommunistischen Manifest“, die Kommunisten seien keine eigenständige Kraft, sondern der entschlossenste Teil der ArbeiterInnenklasse in ihrem Befreiungskampf, enthält den Kern der marxistischen Lehre: Wer sich einbildet, er könne aus eigener Kraft, außerhalb von Klassenkämpfen den gesellschaftlichen Fortschritt herbeiführen, wird niemals über das Stadium ohnmächtigen, isolierten Sektentums hinauskommen - wie eben die diversen Grüppchen, denen der junge Marx in der Linken der 1840er Jahre begegnete und in Abgrenzung von denen er zusammen mit Engels seine eigene Geschichts- und Gesellschaftsanalyse entwickelte. Sie erkannten richtig, dass die Entwicklung der kapitalistischen Wirtschaft zu Gegenbewegungen der Massen führen würden, dass der Kapitalismus mit seiner Proletarisierung der Bevölkerung selbst die Kräfte schafft, die ihm entgegentreten können und müssen und ihn eines Tages stürzen werden und dass es nicht Aufgabe der Linken ist, anstelle der Massen und in ihrem Interesse diese Kämpfe stellvertretend zu führen, sondern als entschiedenste, politisch klarste Kraft jeden einmal ausgebrochenen Kampf der Massen zu unterstützen und schließlich anzuführen.

Ein neues 1917?

Wenn wir heute die Atomisierung, die Bedeutungslosigkeit, die Isolation der gegenwärtigen westlichen Linken betrachten, die in vielem so sehr an diesen Pariser und Brüsseler linken Mikrokosmos der 1840er erinnert, dann haben wir keinen Grund, uns davon entmutigen zu lassen. Mit Beginn der Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 2007 ist der Kapitalismus in eine nun schon über ein Jahrzehnt andauernde Krisen- und Stagnationsperiode eingetreten, in der die vielbeschworenen „Selbstheilungskräfte“ des Marktes versagen und aus der er aus eigener Kraft keinen dauerhaften Ausweg mehr finden wird. Die in dieser Situation immer evidentere Unfähigkeit des Kapitalismus, den Massen Stabilität, Sicherheit und einen steigenden Lebensstandard versprechen zu können, untergräbt weltweit seine Akzeptanz und wird überall zu massiven, revolutionären Charakter annehmenden Klassenkämpfen führen, in denen die arbeitende Bevölkerung sich ihre Zukunft zurückholt. Das kapitalistische System steht am Beginn der wahrscheinlich schwersten Krise seiner bisherigen Existenz, und die Reaktion darauf wird nicht nur ein neues 1848 sein wie es der junge Marx erlebte, sondern ein neues 1917 im Riesenmaßstab.

Die Frage ist nicht, ob das globale kapitalistische System einer Existenzkrise zusteuert, und die Frage ist auch nicht, ob ihm in dieser Existenzkrise ein heftiges Aufbegehren der Massen entgegenschlagen wird. Die Frage ist, um in meinem Vergleich zu bleiben, ob wir nur einen neuen Februar 1917 oder einen neuen Oktober 1917 erleben werden, ob die Massen in ihrem spontanen Aufbäumen nur die alten politischen Formen ihrer Unterdrückung sprengen, ohne etwas Anderes an ihre Stelle setzen zu können (wie in den letztlich gescheiterten Revolutionen des arabischen Frühlings ab 2011), oder ob sie von der Zerstörung des Alten zum Aufbau des Neuen und Besseren übergehen, was eine entschlossene, politisch klare revolutionäre Führung voraussetzt. Zu einer solchen revolutionären Avantgarde zu werden ist die Aufgabe der Linken in diesem Augenblick der Ruhe vor dem Sturm.

Es gibt keinen aktuelleren, keinen scharfsinnigeren Leitfaden für diese Aufgabe als die Schriften, mit denen Marx und Engels damals die schwache, isolierte, sektiererische Linke ihrer Zeit von ihren utopischen Irrwegen abzubringen und auf ihre wirkliche Aufgabe in der bevorstehenden Revolutionsperiode einzuschwören. Das „Kommunistische Manifest“ wurde 1847 in Angriff genommen, als Europa als ein einziger Hort dröger, konservativer Stabilität und ewig ungehinderter Herrschaft der Reaktion erschien und kaum glaubhaft war, dass die zersplitterten, schwachen, isolierten oppositionellen Kräfte in absehbarer Zukunft eine Rolle spielen könnten. 1848 stand der Kontinent von Paris bis Budapest in revolutionären Flammen. Wir stehen heute wohl noch nicht 1847, sondern erst 1843-45. Nutzen wir die Wartezeit, uns vorzubereiten – und lassen wir uns von den blauen Bänden davon überzeugen, dass das Handbuch unserer kommenden Aufgaben schon geschrieben ist.