Trier wird mit chinesischer Hilfe zur „Karl-Marx-Stadt“

Von Marcel Kunzmann

Noch verhüllt, aber sie steht schon: Arbeiter errichten die von der VR China gestiftete Karl-Marx-Statue in Trier.

Das kleine Städtchen Trier bekommt dieser Tage ungeahnte Aufmerksamkeit. Grund ist der 200. Geburtstag von Karl Marx, dem berühmten Sohn der Stadt. Dass es sich dabei um kein ganz gewöhnliches Jubiläum handelt, zeigt die emsige Geschäftigkeit der Trierer im Vorfeld des Gedenktags: Straßen wurden umbenannt, plötzlich tauchen kleine Marx-Ampelmännchen auf und eine monumentale Statue ziert heute die Stadt, die sogar ihren Namen änderte! Doch was haben die Chinesen mit all dem zu tun?

Ab dem 5. Mai wird die „Universitätsstadt Trier“ offiziell „Karl-Marx-Stadt Trier“ heißen. So will es der Stadtrat, der sich darüber hinaus bereits im Februar für die Annahme eines ganz besonderen Geschenks ausgesprochen hat: die Volksrepublik China hat der Stadt anlässlich des Jubiläums eine 4,40 Meter hohe und 2,3 Tonnen schwere Bronzestatue gestiftet, welche durch den Pekinger Künstler Wu Weishan geschaffen wurde. Sie soll neben dem römischen Stadttor Porta Nigra einen Platz finden. Befürchtungen der Bevölkerung, die Statue könne zu groß ausfallen haben sich nach dem „Probestellen“ eines 1:1 Maßstabsbildes als unbegründet erwiesen. Die Reaktionen der Trierer auf ihre neue Statue fallen heute überwiegend positiv aus, ebenso jene aus der Lokalpolitik. „Dass das größte Land der Erde an die kleine Stadt Trier denkt, das ist doch toll“, sagte Bauzedernent Andreas Ludwig (CDU) gegenüber dem Südwestrundfunk und fügte hinzu: „150.000 chinesische Touristen kommen jedes Jahr nach Trier – und das können noch viel mehr werden.“

„Das Geschenk Chinas ist eine Anerkennung für die Geburtsstadt des großen Philosophen“, kommentierte der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Stadtrat, Markus Nöhl, gegenüber dem „Neuen Deutschland“. Trier wolle mit der Welt und den tausenden chinesischen Touristen die jedes Jahr in die Stadt strömen in Dialog treten, so Nöhl. Die Annahme der neuen Statue fand denn auch mit 42 zu 7 Stimmen parteiübergreifend breite Zustimmung, lediglich AfD und FDP sprachen sich im Stadtrat gegen den fernöstlichen Tribut an Marx aus. Einer der Kritiker ist der Trierer Sinologe Christian Soffel, der hinter der Statue „gezielte Propaganda“ vermutet: „Chinesische Touristen werden die Statue als Zeichen für die Größe und Macht ihrer Regierung empfinden, als Bestätigung des Einflusses Chinas auf die Welt“ meint Soffel, der sich vor allem an der „Verehrungshaltung“ der Chinesen gegenüber dem Denker stört. „Trier sollte die Größe haben, zu einem ihrer bekanntesten Kinder zu stehen“ meint hingegen die Vorsitzende der Linken in Trier, Katrin Werner. „Das Werk von Marx, insbesondere seine treffende Analyse des Kapitalismus, hat Menschen auf der ganzen Welt bewegt und tut es weiterhin.“

Die 4,40 Meter große Statue, welche auf einem 1,10 Meter hohen Sockel stehen soll, wurde in enger Rücksprache mit der Stadt gestaltet. Baudezernent Andreas Ludwig (CDU) stattete dem Künstler Wu Weishan letzten November persönlich einen Besuch in dessen Pekinger Atelier ab, wo die Figur geformt wurde. „Ich stelle Marx in aller Größe dar, mit einem entschlossenen Blick in den Augen“, erklärt der Künstler sein Werk. "Seine langen Haare und sein langer Mantel verkörpern seine Weisheit. Karl Marx‘ Gedanken drehen sich um die Welt. Er ist überzeugt, dass alles in Bewegung ist und sich verändert. Marx schaut nach vorne und schreitet ruhig voran“, sagt Wu gegenüber der „Deutschen Welle“. Auch er hat vom Streit über die Statue mitbekommen. Der Künstler begegnet solchen Anfeindungen jedoch entspannt: „Weltweit haben Menschen unterschiedliche Meinungen. Und streiten sich über Dinge. Das verstehe ich und ich akzeptiere das“, so Wu.

Dabei kommt nicht nur die Statue aus der Volksrepublik, sondern irgendwie sogar der neue Name der Stadt: nachdem sich Chemnitz im Juni 1990 von seinem 1953 eingeführten Namen „Karl-Marx-Stadt“ trennte, ließ sich der Stadtrat alle Rechte daran schützen: will eine Stadt den Titel haben, muss sie dafür jedes Jahr 1,25 Millionen Euro an den sächsische Ort überweisen. Dreister und gewinnbringender hätte man sich wohl nicht vom Kapitalismuskritiker Marx trennen können. Doch über die Bezahlung dieser Summe müssen sich die Trierer keine Gedanken machen. Chinas Regierung hat bereits zugesagt für die Lizenzgebühren der neuen „Karl-Marx-Stadt Trier“ vollumfänglich aufzukommen.